Worte zur Kunst

Dr. Ingo Bartsch:

Zwei Hauptmotive beherrschen das umfangreiche malerische und graphische Werk von Otto Schliwinski: Der Mensch in der Masse, der »Menschenstrom«, und das gleichermaßen unübersehbare »Häusermeer«. Oft fließen beide Bereiche zusammen, sodaß im weitesten Sinne eine soziale Thematik sehr anschaulich zu werden beginnt. Plakative Gefahrenmomente aber überwindet Schliwinski mit anscheinend unerschöpflichem Reichtum an künstlerischer Erfindungskraft, die sich nicht einfach mit groben Abbildern geschichtlicher Zustände begnügt, sondern tiefer dringt und Strukturen sichtbar werden läßt. Der Hang des Künstlers zur Abstraktion findet hier die natürliche Erklärung.

 


Dr. Ernst Schremmer

Von “reinen" Landschaften, Porträts und freien figuralen Gestaltungen abgesehen, ist das seit Jahrzehnten überschaubare künstlerische Werk von Otto Schliwinski eine vielgliedrige Kette von Variationen über ein Thema:

“Der Mensch in der Masse", das Thema , das sich ausweitet zum Thema “Die Masse Mensch in der Stadt".

In immer neuen Ansätzen hat der Graphiker, der Zeichner, der Graphiker im Maler dieses Thema mit erstaunlichem Reichtum abgewandelt. Die Menschen auf seinen Blättern und Bildern, entindividualisiert, gleichen Masken, Schemen, wirken in ihrer Anonymität unheimlich.

Es geht Schliwinski dabei offensichtlich mehr um eine existentielle als eine sozial-kritische Botschaft. Dafür spricht schon, daß er durch Reisen, immer neue Begegnungen und auch die Anlässe seiner Auslandsreisen immer im Zusammenhang mit Ausstellungen, über Länder und Erdteile hinweg sein Grundthema variiert, es damit aus konkreten Daten und Orten heraushebend.

Der Künstler vermittelt aber nicht nur eine existentielle, ethische Aussage, sonder es liegt ihm dabei mindestens ebenso am Ästhetischen - an der Möglichkeit, dieses Thema durch die sich aus seiner inneren Spannung entwickelnden graphischen, malerischen strukturellen Variationsmöglichkeiten, expressiv zu gestalten.

Ausstellung und dokumentierender Katalog bieten die willkommene Gelegenheit, an die Heimatverbundenheit des international angesehenen, weltgewandten und keineswegs provinziell festgelegten Künstlers zu erinnern. An seine liebevolle Bindung an das Herkunftsland Ostpreußen und nicht zuletzt an seine Solidarität mit seinen ostdeutschen Künstlerkollegen, die er bei manchem Anlaß, so beim Aufbau einer-bedeutenden Auslandsausstellung der Künstlergilde, im Kulturzentrum zu Hasselt im belgischen Limburg, bewährte.


Dr. Peter Spielmann:

Der Themenkreis bewegt sich bei Schliwinski um die Landschaft, die Landschaft des 20. Jahrhunderts. Die Landschaft der überwiegenden Technik, aber auch eine leere Landschaft ohne Menschen, in der der Mensch doch durch sein Werk enthalten ist. Der zweite Pol ist der Mensch in der Gruppe, der Mensch in der Masse, in der seine Individualität verschwindet, aber doch menschliche Merkmale behält. Zwischen diesen beiden Polen sind dann die Bilder mit dem Thema “Der Mensch in der Stadt" oder auch “Die Stadt im Menschen". In allen diesen Themen geht es um den Prozeß der Entindividualisierung. Man kann nicht erkennen, welche Landschaft und und wo und wann; man kann nicht erkennen, welcher Mensch und wo und wann. Aber die Bilder vermitteln doch mehr als nur ein abstraktes Schema. Manche sind freudig, andere traurig, manche hoffnungsvoll, andere trostlos. Schon das Thema macht uns die Zweideutigkeit der Situation sichtbar. Eine Menschenmasse kann durch Manipulation eine Gefahr für den Menschen bedeuten, aber sie kann auch eine große Kraft sein, die sogar schöpferisch ist. Die Technik kann die Landschaft und das menschliche Leben enthumanisieren. Aber sie kann auch den Menschen helfen und eine neue Kultur schaffen. Beide Möglichkeiten sind da enthalten und es hängt nur vom Menschen ab, wie er sie anwendet, wie er sie ausnützt. Gerade im Thema “Der Mensch in der Stadt" ist diese Möglichkeit am stärksten ausgedrückt. Die Stadt, die der Mensch selber baut, kann ihm eine fördernde Umwelt sein, aber es kann auch eine Stadt sein, die für ihn ein Gefängnis ist. Die Bilder Schliwinskis machen noch einen anderen Gegensatz sichtbar. Den Gegensatz zwischen dem Organischen und dem Anorganischen. Zwischen der frei wachsenden Form und der abstrakten Form, der menschlichen Konstruktion. Auch dieser Gegensatz ist wie schon immer in der Natur und der Geschichte wichtig für die weitere Entwicklung. Der Mensch sollte sich dieses Gegensatzes aber bewußt sein, um die Entwicklung zu seinen Gunsten beeinflussen zu können. Schliwinskis Bilder sind aber keine Traktate. Es sind Bilder eines sehr sensiblen Malers, dessen Ausdrucksmöglichkeiten in der Farbe und in der Handschrift liegen. Die Farbe hat bei ihm eine expressive Funktion, sie wird zur Übermittlung des Ausdrucks benutzt und den Ausdruck unterstreicht auch die ziemlich pastose Auftragung der Farbe und sichtbare Handschrift. Diese malerische Arbeitsweise gibt den Bildern auch die ästhetische Funktion und Wirkung im Bereich des Ungegenständlichen: man empfindet den Ausdruck auch, wenn man den Gegenstand auf dem Bilde nicht genau identifizieren kann. Ähnliches können wir auch in den Zeichnungen und Grafiken feststellen, wo er sich nur auf die Töne zwischen schwarz und weiß beschränkt. Die sensible Handschrift, die der Linie durch Druck und Schwingen - da mehr, dort weniger- Intensität gibt und die Formen abtastet und dem ganzen Blatt auf eine sehr malerische Weise den Ausdruck gibt. Die Ortung der Bilder in den Grenzbereichen der Gegensätze gibt ihnen eine Spannung und darum sind sie auch Bilderzwischen ästhätischem Genuß, zur Freude, aber auch zum Nachdenken und Bewußtmachen.

 


Dr. Wolfgang Schulz:

Schliwinski zeigt in Gemälden und Zeichnungen Straßenschluchten, gefüllt mit unbekannten, verallgemeinerten, mitunter abstrahierten Menschen, oder auch leer. In ihren beängstigenden Ausmaßen können diese modernen Staßen von ausdrucksvoller Erscheinung sein. Aber auch sie sind anonym, angesiedelt zwischen New York, Berlin und Hongkong. Kritik an Architektur und Planung wird nicht geübt, kaum am Gesellschaftlichen und Sozialen. Die Darstellung, das Schildern dringt tiefer, und der Künstler gewährt mitfühlend Einblicke in sein eingenes Empfinden. Es sind Stadtpsychogramme. Aufgewühlt vom Miterleben spiegeln die Werke seelische Spannungen als Ergebnis einer zunehmend leidgeprägten Erfahrung, abstrakter als dies Franz Masereel tat und gegenwartsbezogener und aktueller als vergleichbare Arbeiten von Lyonel Feininger.

Die Menge der Menschen hat etwas Ameisenhaftes, Unterwürfiges. Sie verleugnet das Menschsein und wartet darauf, ein Ziel gesetzt zu bekommen. Aus Straßen werden Richtungen. Dumpf schließen sich die Menschen aneinander an und folgen auf in die Tiefe sich erstreckenden Pfaden in der Landschaft einem Zug in ein Nirgenwo, ohne zu wissen, wohin die Zukunft führt.

Die Existenz des Menschen wird registriert, sein Einzelwesen aber in Frage gestellt durch Technik. Massenbewegungen und Verzicht auf Einzelpersönlichkeit und individuelle Entfaltung. Straßen und Städte ohne Atmosphäre, Menschen ohne Gesichter erscheinen in den gedämpft farbigen Darstellungen Schliwinskis. Nur gelegentich übertönen einige Farbakzente die sonoren Farb-stufungen dieser wahrhaften Psychogramme.

 


Ein Künstler in seiner Heimat

Ein Künstler kehrte 1992 zurück in seine Heimat, das Land seiner Kindheit. Bisher bereiste er die Länder der Erde. Sie gaben seiner künstlerischen Arbeit vielfältige Anregungen, vertieften seine Kunst. Otto Schliwinski hatte Psychogramme von Stadt und Land mit der ameisenhaften Menge der Menschen geschaffen. Der Mensch als Gattung wurde registriert, eine sich in Richtungen bewegende Masse, die darauf wartete, ein Ziel gesetzt zu bekommen. Oft schien es in den Werken, als wäre dies ein Zug nach Nirgendwo, ohne zu wissen, wohin die Zukunft führt. So war Otto Schliwinski zum Darsteller der Masse Mensch geworden, in Zeichnungen und Grafiken, auch in Gemälden. Die den Künstler charakterisierende Handschrift war entwickelt.

Nach vielen Weltreisen kam die Reise zur Ostsee und nach Masuren. Sie legte bei Otto Schliwinski neue Möglichkeiten der künstlerischen Äußerung frei. Eine nicht vergessene Vergangenheit findet den Vergleich mit den Erfahrungen eines Künstlerlebens. Als Wichtigstes erkennt Otto Schliwinski im Heimatland den Abstand zur Zivilisation der Städte. Der Künstler wendet sich der Landschaft zu, Erde wird wieder erlebt, erdnah und schwer, erspürt. Zum Impressionistischen einer abstrahierenden Technik früherer Jahre tritt die realistische Erfahrung der Natur, des natürlichen Freiraumes. Die neuen Arbeiten befreien sich von hintergründiger Existenzangst. Scheinbar erstaunt, erfaßt der Künstler mit frischem Auge Dünen und Steilküsten an der Ostsee, als wären sie gerade von ihm entdeckt, als wäre es nun hohe Zeit, sie künstlerisch festzuhalten. Die langgestreckten, tiefen Rinnenseen Masurens zwischen Kiefern und Laubwäldern können stimmungsvoll erscheinen, aber auch geheimnisvoll dunkel, manchmal fast bedrohlich. Ackerlandschaften werden zu Erdräumen.Der langjährige Großstadt-Interpret erlebt die Weite Ostpreußens. Einige der Arbeiten spiegeln fast mythische Leere. Dabei wandelt sich der Künstler in Stil und Ausdruck. Er findet zurück zu einer expressiven Farbgestaltung, die manchmal an die anderen Zeichner und Maler Ostpreußens, wie Arthur Degner und Alexander Kolde, gemahnt. Die Befreiung vom sozialen Grübeln, von existentieller Thematik fördert die Befreiung zu ausdrucksstarker Farbigkeit. So entsteht ein Bild des Landes, nähert sich Otto Schliwinski in vielfältiger Weise den immer wieder überraschenden, niemals langweiligen Aspekten einer von der Natur verwöhnten Region. Unterschiedlich wie die Motive ist der Grad der Reife. Die Landschaft prägt den Künstler, und der Künstler prägt schließlich mit seiner Wiedergabe den Ausdruck der Motive und Kompositionen. Einmal handelt es sich um die zu Ende geformten ersten Eindrücke und Skizzen, dann um die im Studio zu Hause ausformulierten, größeren, gültigen Darstellungen. Sie werden in diesem Prozeß keineswegs gezähmter, kultivierter, sondern behalten oder bekommen auch erst jetzt ihre exzessive Ausprägung.

Gelegentlich wirken die Arbeiten schwermütig, öfter jedoch zupackend, aktiv, Motive und Themen bewältigend. Auch hier ist die Parallele zum Land und dem Menschenschlag, den das Land hervorgebracht hat, deutlich. Ostpreußen gehörte zu den dünn besiedelten deutschen Landen. Heute, nach riesigen gewaltsamen Bevölkerungsveränderungen und in den letzten Jahren Zuwachs der Bewohnerschaft, ist das Land zwischen Marienwerder und Suwalki eher noch geringer besiedelt als zuvor. Abseits der arbeitsamer Zentren und der vom Tourismus erschlossenen, von Besuchern aus Warschau, Hamburg, Berlin und an- derswoher »bevölkerten« Mittelpunkte wird jedem di weite Erstreckung des Landes klar, am meisten aber von demjenigen Künstler erkannt, der die Massen Mensch des Industriezeitalters mit seiner physische Bedrohung und existentiellen Leere erfaßt hat. So en standen aus eher beiläufigen Reisenotizen neue und wesentliche Nuancierungen in der künstlerischen Darstellung Ostpreußens durch die »moderne« Kunst seit den Tagen von Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Mollenhauer und Karl Eulenstein. Naturalistische Schilderung verbindet sich mit Interpretation und sensibler Deutung. Der Betrachter ahnt das So-sein durch die Jahrhunderte, wie es kurz vor der Entstehung der Werke gerade vom Künstler, Otto Schliwinski, neu erfahren wurde, als er durch das Land zwischen Ostsee und Johannisburger Heide gezogen ist. Ostpreußen ist Heimat für viele, durch die Jahrhunderte und früher. Möge es immer zum Segen seiner Bewohner sein.

Dr. Wolfgang Schulz Direktor Stiftung Deutschlandhaus Berlin


Prof. Jörg Lampe:

Schliwinski ist unermüdlich und rastlos unterwegs und es ist ihm ganz gleich, ob er eine Landschaft irgendwo draußen in anderen Ländern, in denen er herumgekommen ist, oder ob er den Menschen, den anonymen Menschen an irgendeinem Umschlagplatz des gesammelten Verkehrs oder den Einzelnen in einem seltenen Augenblick seines individuellen Personseins antrifft. Jedes dieser Motive ruft ihn gleichermaßen auf den Plan und wird von ihm im Bild mit der Farbe oder in schwarzweißer Technik eingefangen und ,,gesammelt".

In Schliwinskis bildnerischem Werk kristallisiert sich also keineswegs so etwas wie ein Ideal, wie eine Art Soll- und Leitbild oder eine Klage über den Tumult des Anonymen, den Lärm des Wesenlosen ober über die Gleichgültigkeit der Welt, die schließlich die Mitwelt eines Jeden als Einzelmenschen ist, heraus. Er bleibt vielmehr neutral und registriert mit dem Pinsel und der Feder die nackte Tatsächlichkeit.

Man braucht nur seine Bilder von den Städten, mit ihren Häusern, Straßenschluchten und dem Gewimmel der Menschen anzuschauen, um das zu sehen. Da werden aus Einzelmenschen Typen und aus Typen Flecken, die die Bildfläche skandieren und akzentuieren. Das unmittelbare Zupacken und Staunen und dann doch Bewältigen ist das Charakteristische an Schliwinskis Tun.


Wir sind sehr froh, die Ausstellung des deutschen Malers Otto Schliwinski in den Sälen der Kaliningrader Kunstgalerie zu zeigen, der in zahlreichen Ländern der Welt seine Werke bereits ausgestellt hat.

Im Juli 1994 haben wir die deutschen Künstler und Lovis-Corinth Preisträger Winfred Gaul, Sabine Hoffmann und Katalin Moldvay ausgestellt. Die Ausstellung der Arbeiten von Otto Schliwinski ist eine wunderbare Möglichkeit für Kaliningrader Bürger und Gäste unserer Stadt, moderne Kunst aus Deutschland kennenzulernen. Die Ausstellung gibt auch Gelegenheit, sich mit Künstlern, Kunsthistorikern und Kunstliebhabern zu treffen und miteinander zu sprechen. Wir hoffen, daß Otto Schliwinski in Kaliningrad viele Freunde und Bewunderer seiner Kunst finden wird und wünschen ihm für diese Ausstellung in Rußland viel Erfolg.

Wera l. Kotzebenkowa Direktorin der Kaliningrader Kunstgalerie

 


Mensch und Architektur

Otto Schliwinskis Bildthemen umfassen zwei größere Komplexe: Der erste beinhaltet den Bereich Mensch — im anderen behaldelt er das Thema Architektur.

Auf eigenwillige Weise wird die Vorlage ,Mensch' zum Gegenstand des Bildes. Die Abhandlung des Themas besteht nicht etwa aus der Herauskristallisierung individueller Fähigkeiten und Eigenschaften (und somit Darstellung von wesensbezogenen Individualkategorien, sondern sie besteht in der Präsentation überindividueller ,Menschenmassen — Strukturen'.        

 Das Menschenbild Otto Schliwinskis zeigt sich dem Betrachter als integrierter Bestandteil einer Produktions- und Konsumgesellschaft. Es kommt zur Aufhebung der Autonomie des Einzelwesens zugunsten der Masse. Die Heteronomie zwischen einzelnen Menschen und Menschenmassen bedingt, bei Dominanz der Massenstruktur, für die bildliche Darstellung das Wegfallen bz» Unterordnen von Individual-Accessoires. Diese Abstraktion hat Otto Schliwinski in seinen ,Menschen'-Bildern vollzogen. Er führt das Einzelwesen in die Gemeinschaft der Masse über und gestaltet diese als eine Kontinuum. Die Implikation Mensch -Masse erzeugt in den Bildern Otto Schliwinskis eine neue Realität: die Realität der Masse als Gemeinschaft, ihre Eigenwertigkeit.

Die Auflösung der Details zugunsten übergeordneter Massen kategorien bedingt eine Orientierung, die zu einer blockhaften, in sich autgelösten Darstellungsweise führt. Mithin ergibt sich für den gestalteten Bildinhalt und die Rahmenzone eine Indifferenz. keine Spannung,                                                   

Die Formatbegrenzung zeigt keine Isolierung des Strukturthemas auf dem Bildgrund auf. Die Struktur trägt Ausschnittscharakter. Das Thema ist nicht auf das Bildfeld beschränkt. Es ist beliebig nach allen Seiten hin ausdehnbar. Da eine perspektivische Erweiterung a priori in der Struktur Schliwinskis liegt (durch Figurschichtungen ohne fixierbare Standpunkte und Raumzuordnungen), besteht somit auch die Erweiterungsmöglichkeit in den Raum.

Eine Gemeingültigkeit der Aussage liegt in der Neutralität des Bildinhaltes, seinen unbegrenzten Erweiterungsmöglichkeiten — sowie an dem an eine Struktur gebundenen, mit ihr identischen Bedeutungsinhalt. Dieser ist nicht mit dem Objekt gleichzusetzen. Der Begriff ,Masse' wird dem Betrachter durch Präsentation einer die figürliche Welt abstrahierenden Struktur quasi reflektierbar gemacht. Schliwinski ermöglicht dem Betrachter eine Reflexion am verbildlichten Begriff. Hierin liegt das Verdienst des Malers. Der Bedeutungsinhalt wird nur durch die dem Begriff .Menschenmasse' immanente abstrakte Sinndimension präsent gemacht. Die Ausdeutung des Inhaltes obliegt dem Betrachter, der, in ein Betrachter-Bild-Verhältnis eingespannt, nicht mehr nur Konsument, sondern auch Produzent ist.

Der andere Bereich künstlerischer Auseinandersetzung umfaßt bei Otto Schliwinski den Themenkreis .Architektur'. Im Gegensatz zum organischen Gebilde Mensch oder Masse haben wir es hier mit einem rein statischen Motiv zu tun. Auch hier geht Otto Schliwinski seinen eigenen, ihm gemäßen Weg. Er konfrontiert den Betrachter mit Liniengeflechten, deren Kontinuum mit Flächen und Randverspannungen Architektur verbildlicht. Dies geschieht auf unterschiedliche Weise: in einigen Bildern Stellt Schliwinski dem Betrachter geschlossene Häuser- und Stadtfronten gegenüber. Er unternimmt das jedoch nicht in der Intention von Merian-Stadtansichten oder von Postkartenromantik, sondern mit dem Willen, den .Abbildungen' Begrifflichkeit zu unterlegen. Es geht ihm nur um die Präsentation des Begriffsinhaltes Architektur.

Die parallele Behandlung zweier so unterschiedlicher Themen wie Mensch und Architektur läßt den Künstler schließlich zu einer interessanten Synthese gelangen. Schliwinski bricht in einigen Bildern die Architekturfronten auf. Es entstehen Skandierungen mit dem thematischen Charakter von Straßenschluchten. Durch Hineinstellen von Menschen und Menschenmassen werden zwei Begriffe konfrontiert, die Polarität zwischen beiden neutralisiert. Solange es sich hierbei um Einzelmenschen handelt, erdrückt die Architektur das Individuum. Der Mensch ist hilflos der Architektur ausgeliefert. Formiert er sich dagegen zur Masse, so geschieht eine Assimilation von Masse und Architektur. In dermaßen gestalteten Bildern sind Menschenmasse und Architektur gleichwertig miteinander verschmolzen. Gestalterische Ursache für dieses Ineinanderiibergehen ist die Fixierung der Masse. Dies geschieht durch den von der Architektur vorgegebenen innerbildlichen Standpunkt. Die räumliche Stellung einzelner Menschenmassensegmente ist durch die räumliche Stellung der dazugehörigen Architektursegmente ablesbar. Die Existenz der Architektur erhält ihren Sinn durch das Existieren der Masse und umgekehrt.

Mit diesen zuletzt genannten Arbeiten hat Otto Schliwinski das Fazit aus der isolierten Darstellung des Begriffes Architektur auf der einen Seite und des Begriffes Mensch auf der anderen Seite gezogen. Das statische und das bewegte Element finden in diesen Bildern ihre größtmögliche Steigerung.

Die Techniken, derer Otto Schliwinski sich bedient, sind öl, Mischtechnik und vor allem der Siebdruck in vielen Schattierungen. Technische Reife erlangt er in den grafischen Arbeiten. Ihr Einfluß auf Mischtechniken und Ölbilder ist unverkennbar. Der grafische Schwarz-Weiß-Effekt, die Liebe zu Grautönungen kommt neben kräftigen Farben auch in den Ölbildern vor, ja, dominiert. Die Farbe trägt den Bildaufbau nicht, ist nicht eigenständig. Sie wird gerahmt, gehalten von schwarzen oder weißen Gerüsten, ist Kolorit — nicht Bildträger.

Der Entstehungsprozeß wird aus den ölen und auch einigen Grafiken ersichtlich. Mit größter Vehemenz ist die Farbe mehrschichtig pastos aufgetragen. Rudimente früherer Fassungen scheinen oft durch. So erhalten die Bilder trotz der Dicke der Farbe eine gewisse Transparenz. Das Bild hat mehrere Fassungen durchlaufen. Es ist ebenso in Fluß wie sich ihre thematische Vorlage ständigen Veränderungen unterworfen sieht — sei es das Bild unserer Stadt oder das der Masse, unserer Gesellschaft. In den grafischen Blättern geschieht der Prozeß der Veränderung durch Überwalzen einzelner Blätter gleicher Auflage oder partieller Übermalung. Selten gleicht ein Blatt einer Auflage dem anderen. Von Hand abgezogen, individuell gestaltet, doch aus einer Serie — Otto Schliwinski gestaltet die Blätter in der gleichen Art der Auflagenbehandlung wie die chinesischen Holzschnitte in einer Auflage meist unterschiedlich koloriert wurden. Schliwinski variiert, weil es ihm um das Auffinden des Zustandes geht, der ihm repräsentant für den Inhalt eines Motivs zu sein scheint. Die Endfassung gilt ihm als die optimalste Lösung.

Gleiche Interpretation gilt auch der vereinzelten Behandlung anderer Themen — seien dies nun alte Männer, Reiter, Frauen oder die Behandlung des Themas “Arzt". Auch hier geht es Otto Schliwinski um den Begriff, d. h. um seine Verbildlichung,

Dr. Wolfgang Zemter


GEDANKEN ZU STIL UND HAUPTTHEMEN IM WERK OTTO SCHLIWINSKIS

Nachdem Schliwinski 1945 nach Westdeutschland geflohen war, begann er zunächst mit einem Grafikstudium. Von dieser Ausbildung blieben deutliche Spuren in seinem malerischen Werk zurück, da er in der Komposition einige Muster des räumlichen Aufbaues zeigt, die oftmals in der grafischen Bildsprache verwendet werden. Diese Modelle sind eng mit den Hauptthemen seines Werkes verbunden. Tatsächlich sind die Kompositionen Schliwinskis in erster Linie nach drei Grundlinien ausgerichtet: sehr akzentuierte Perspektive mit sichtbarem Fluchtpunkt und erhöhtem Horizont; Überlagerung von horizontalen Ebenen; und das Wichtigste, Auflösung der Perspektive und Vereinfachung der Formen. Das erste Schema wird vorwiegend in den Werken angewandt, welche die Straße zum Inhalt haben. Diese sind einmal trostlose Wüsten, leere Abschnitte in Geisterstädten, dann wieder überfüllt mit gleichförmiger Menschenmasse, die zwischen gigantischen Wohnburgen eingekeilt und bedroht wird. Bei den Naturlandschaften hingegen sind die horizontalen Linien des Meeres oder der Landschaften in Harmonie mit dem fernen Horizont, da sie sich in parallelen Ebenen ausbreiten und eine ruhige, dünne Atmosphäre suggerieren.

Schliwinski zeigt die Verwandlung des natürlichen Lebensraumes zu Ameisenstädten/ aber die Dialektik Natur-Kultur definiert sich in seinem Werk nicht auf schablonenhafte, banale Art. Die Klarheit der Naturlandschaften ist nicht automatisch der Entfremdung der urbanen Großstädte entgegensetzt, und auch sie zeigen unruhige, geisterhafte Züge, in welchen für den Menschen kein Platz ist. Das Individuum fehlt völlig. An seinem Platz finden wir hingegen die Menschenmenge, die gleichförmige Masse. Dieses zuletztgenannte Haupthema des Künstlers eliminiert in der Ausführung jeden Bezug nach außen. Es gibt weder eine Landschaft, noch einen definierten, erkennbaren Raum. Die Masse ist ein Schwärm von der Vogelperspektive aus gesehen, so als wäre das Auge des Künstlers und des Betrachters auf metaphysische Art außerhalb und würde von oben das grenzenlose Meer der Köpfe betrachten, die zu rein graphischen Zeichen reduziert, komplett die Oberfläche der Leinwand dichtgedrängt bis zum Rand füllen. Die Tendenz, immer mehr die Abstraktion zu betonen und jedes beschreibende Element zu verbannen, entsteht in Schliwinschi durch das künstlerische und ideologische Bedürfnis das Thema der Masse zu verallgemeinern und Schritt für Schritt vom Figurativen zu entfernen. Die Gesichter der Menschenmenge, die in früheren Arbeiten noch erkennbar sind, auch wenn sie in groteske Masken verwandelt sind und Verwandtschaft mit den expressionistischen Malern Munch, Kokoschka, Pechstein und Schmidt-Rott-luff zeigen, reduzieren sich in den späteren Arbeiten zu stark kontrastierten farbigen Arabesken, manchmal grell, manchmal Ton in Ton, überwiegend aber in kalten Tönen. Auch in der Serie "Häuser" erscheinen die Stadtlandschaften als Bienenstöcke, ein verworrenes Netzwerk von Fenstern, das sich über die Leinwand hinaus bis ins Unendliche fortsetzt. Der Sinn für das kreative Abenteuer von den verschiedenen Farbträgern und Techniken die ästetischen Möglichkeiten zu entdecken, führte den weltgereisten Künstler auf eine Studien-und Arbeitsreise nach Ischia. Hier bekam er Anregung für eine Serie von Häuserlandschaften, die er in seinem individuellen Stil und besonderen Art zu interpretieren schuf.

PATRIZIA DI MEGLIO


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